Dienstag, 11. Dezember 2007

Heimkehr

Ja, ihr habt richtig gelesen, ich bin wieder zurück in der kalten Schweiz. Gründe dafür gibt es einige, hier werde ich euch die wichtigsten auflisten:

Am Dienstag hatten wir von der Childline abgemacht, gemeinsam essen zu gehen. Zuvor sollten jedoch noch an die 40 Couverts mit der Adresse vom Spital beschriftet werden. Jedoch war der Stempel kaputt und eine Mitarbeiterin versuchte über eine Stunde, den Stempel zu reparieren. Als dies nicht möglich war, begann Muthumari (eine andere Mitarbeiterin) von Hand auf jedes Couvert die Adresse zu schreiben. Ich wollte ihr dabei helfen und begann in Blocksschrift die Adresse auf die Couverts zu schreiben. Nachdem ich zwei Couverts beschrieben habe, kommt die andere Mitarbeiterin in den Raum, schreit mit mich ‚oh my god’ an und reisst mir das Couvert aus der Hand. Die drei Frauen der Childline stritten während über 30min, warum genau war mir nicht klar. Angeblich könne die indische Post meine Schrift nicht lesen. Später habe ich erfahren, dass ich nicht die Arbeit von jemandem in der Childline übernehmen dürfe, da diese ansonsten ihre Stelle verlieren würden… Ich wollte ja nur helfen!

Am Montag habe ich David kennen gelernt, er ist Student am College das mit dem Spital verbunden ist. Er hat mich eingeladen, mir mittwochs das College zu zeigen und mir verschiedene Leute vorzustellen, darunter auch Kristine, eine deutsche Lehrerin die seit 20 Jahren in Madurai lebt.
Ich habe also um Erlaubnis gefragt, ob ich mit David am Nachmittag ins College gehen kann. Aber niemand hat mir erlaubt, mit ihm mitzugehen. Richards (Chef der Childline, mein direkter Verantwortlicher) meinte, ich soll die Medicalsuprenant um Erlaubnis fragen. Diese wiederum meinte, ich solle die Nursesuprenant fragen, welche mich an Dr. Dodd (Chefarzt) weiterleitete. Dodd hat aus folgenden Gründen nein gesagt:

- Es ist angeblich für die, welche im Hostel wohnen (also den beiden Räumen in denen ich schlief) nicht erlaubt einfach so unter der Woche den Campus zu verlassen. Da ich dort wohne, habe ich mich an die Regeln zu halten!

- Falls ich diese Regel verletzen würde und ohne Erlaubnis den Campus verlassen würde, würde ich rausgeschmissen und nach Trivandrum zurückgeschickt werden.

- Ich sei im Spital um etwas zu lernen und um zu arbeiten (ok, nur keine der Krankenschwestern oder eine der Frauen bei Childline spricht genug Englisch um mir zu erklären was sie machen, geschweige dann, wie ich ja gesehen habe am Tag zuvor, darf ich etwas machen!). Ich soll also weiterhin in der Childline sitzen, und den Frauen zusehen wie sie Telefongespräche in Tamil führen. Sie konnten mir nicht erklären, wer und weshalb jemand angerufen hat.

Niemand hatte in diesem Spital das Gefühl für mich verantwortlich zu sein. Es war ja nicht so, dass ich jemand brauchte der mich ständig begeleitete und sagen sollte was ich machen soll, aber wenn jemand wie David garantiert, mich wieder zurückzubringen sollte ich doch ins College gehen können.
Ich habe vier Wochen versucht, mit den Menschen dort zu sprechen. Die wenigsten sprechen Englisch, und wenn dann nur gerade so viel dass sie sich nach deinem Wohlergehen und deiner Familie erkundigen können. Meist verständigte ich mich mit Hand und Fuss. Und ich hatte gehofft, dies würde im Spital besser werden, was jedoch nicht der Fall war.

Am Mittwochabend hatte ich ein Gespräch mit Dr. Dodd. An meinem ersten Tag hatte er mir versichert, ich könne mit jedem Problem zu ihm kommen. In diesem relativ einseitigen Gespräch teilte er mir mit, er hätte die Verantwortung für mich, und ich würde keine Stunde allein auf den Strassen Madurais überleben. Warum also solle er sich das Leben schwer machen indem er mich ausserhalb des Campus gewähren liesse? Niemand würde mich zwingen, hier zu bleiben, wenn ich aber hier sei, hätte ich mich an die Regeln zu halten; das heiss: Nur sonntags und mit Begleitung und Bewilligung darf ich den Campus verlassen. Ansonsten verbringe ich meine ganze Zeit im Spital.
Unter diesen Umständen konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen noch weitere 5 Wochen im Spital zu verbringen.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen bedanken, die mir in irgendeiner Weise geholfen haben meinen Traum, nach Indien zu reisen, zu verwirklichen. Speziell erwähnen möchte ich die Familie Amirtham, besonders Lily, welche alles in ihrer Macht stehende getan hat, damit ich mich in Indien wohl fühle, und meiner Familie & Ste, welche mich vor, während und auch jetzt nach der Reise unterstützen! Danke!

Ich werde so schnell wie möglich versuchen, Bilder von meinen vier interessanten & schönen Wochen in Indien auf dem Blogg zu veröffentlichen. Also bis später!
Wünsche allen eine schöne Adventszeit und jetzt schon mal schöne Weihnachten! Eure Selina

Montag, 3. Dezember 2007

Spital = Spital??

Gestern Morgen hatte ich die Moeglichkeit, zusammen mit Dr Dodd (er ist der Chefarzt) und 6 Krankenschwestern (ja, ihr habt richtig gelesen, das war immer sehr eng in den kleinen Zimmern) auf Patientenvisite zu gehen. Ihr muesst euch das etwa so vorstellen: Dr Dodd stresst voraus, rein ins Zimmer, wir alle auch ins Zimmer, Tuere zu, Dodd fragt den Patienten etwas, wirft einen Blick in die Patientenakte die eine Krankenschwester ihm hinhaelt, macht einen Komentar und weiter gehts. Tja, so braucht man insgesamt nur etwas mehr als eine Stunde um bei jedem Patienten kurz vorbeigeschaut zu haben. Auch auf die Intensivstation sind wir alle mitgegangen, mussten einfach unsere Schlarpen wechseln. Aber keinen Mundschutz oder sonst was in diese Richtung anziehen. Auf einem anderen Stock hat Dr Dodd noch kurz eine Endoskopie (mit dem Schlauch in den Magenhinunterfilmen ;)) gemacht, alle standen um das Bett herum und haben zugeschaut. Als der Patien anfing wuergelaute von sich zu geben, musste ich mich setzen... Ich hoffe ganz fest, ich muss in Indien nie ein Spital aufsuchen!! Man muss jedoch erwaehnen, es ist ein Privatspital wo ich arbeite, also nicht eines von der Regierung (die sind fuer Europaeer meist sehr `unbefriedigend`).

Indischer Gegensatz Nr. 4
In Indien ist das Kastensystem schon laengere Zeit verboten. Die Bevoelkerung lebt jedoch weiterhin mit diesem System. Die Regierung hat desshalb den Menschen in den unteren Kasten Stellen bei der Regierung angeboten. War es frueher das Ziel, durch Heirat in eine hoehere Kaste aufzusteigen, so ist es heute zum Teil er Fall, dass Leute aus einer hoeheren Kaste, die keinen Job haben, in eine tiefere Kaste wechseln wollen, damit sie beim Staat angestellt werden...

Sonntag, 2. Dezember 2007

Kulturschock innerhalb Indien??

In den letzten drei Tagen habe ich ja so einiges erlebt! :-)
Ich fange doch am Besten beim Donnerstag an: Fruehmorgens bin ich zusammen mit Pushpaleela ins Stadtzentrum gefahren und von dort sind wir mit dem Bus nach Parassala. Das Buessli war bereits gepackt und schon bald konnte die Fahrt ans Cape Commerin losgehen. Lily, Sam, ihre Freunde, ein Ehepaar aus England (Adel & Michael), Gaudam der `Junge fuer alles` und Stephan, der Fahrer waren mit von der Tour. Bereits am Mittag erreichten wir Kanyakumari (das Dorf an der Suedspitze) und bezogen unser Hotel. Das ganze Hotel war durch AC gekuehlt, wir alle hatten Zimmer mit Blick auf die beiden Inseln mit dem Tempel und der Statue, somit freie Sicht aufs Meer hinaus!
Am Nachmittag bin ich mit Adel, Michael und Gaudam mit der Faehre (und sehr vielen anderen Touristen, hauptsaechlich reichen Indern aus dem Norden) auf die beiden Inseln gefahren. Es war eine Sauhitze und da man immer die Schuhe ausziehen musste, rannte man von Schattenplatz zu Schattenplatz...
Am Abend spatzierten wir alle gemeinsam der Kueste entlang, besuchten den Annyakumaritempel und das Gandhigedenkmal (Gandhis letzter Wunsch war, das seine Asche an der Suedspitze ins Meer gestreut wurde) und warteten gespannt auf den Sonnenuntergang. Leider war der Horizont leicht verhangen, und so konnten wir leider keinen Sonnenuntergang ueber dem Meer geniessen. Jedoch sahen wir ja von unserem Hotel direkt aufs Meer, so dass wir auf einen schoenen Sonnenaufgang hoffen konnten.
Aber auch in dieser Hinsicht wurden wir leider endtaeuscht... Der Himmel war morgens um 6Uhr bewoelkt... :-(
Nach drei Wochen konnte ich zum ersten Mal wieder duschen, wie wir und das in Europa gewohnt sind: mit warmem Wasser und einer Dusche. :) Ich habe das glaub noch nie so genossen!!
Zum Fruehstueck goennte ich mir die Amerikanische Variante, dh. ich ass Porridge, Ei und Toast und Gonfi. Bereits nach drei Wochen kann ich zum Teil die verschiedenen Indischen Fruehstuecks nicht mehr `geniessen`. ;)

Anfangs Nachmittag waren wir bereits wieder in Parassala, wo Lily ein koestliches Mittagessen zubereitete. Dort teilte sie mir dann auch mit, dass Jeykumars (der Cocordinator von PWDS, welcher mit mir nach Madurai fahren wird) Meeting abgesagt wurde und ich somit alleine mit dem Zug nach Madurai fahren werde. Jaja, wir sind ja flexibel. Obwohl, ein leicht mulmiges Gefuehl hatte ich bei dem Gedanken schon, das muss ich zugeben!!

Um fuenf nach fuenf kam dann auch der Zug. Er war puenktlich!! Kaum zu glauben!! Ich war sehr froh, hatte ich AC gebucht, denn die Hitze machte mir zu schaffen. Im Zug lernte ich einen Inder mit Frau kennen, welche in Abudabi leben, und dreimal jaehrlich nach Madurai pendeln weil sie dort irgendwelche Feste feiern. Diesesmal ist es eine Hochzeit. Er hat mich auch zu sich nach Hause eingeladen, mal sehen, was sich machen laesst.

Mit einer Stunde Verspaetung erreichte mein Zug um 11.30 Madurai. Dort wurde ich abgeholt und ins Spital gebracht. Khunsal (sprich Gunsal) begruesste mich und gab mir Tee zu trinken ;) Danach brachte sie mich in die Studentenunterkunft, wo ich voraussichtlich die naechsten 6Wochen wohne: Zwei Zimmer, durch eine Tuere verbunden, mit Steinboden. Geschlafen wird auf zwei Leintuechern auf dem Boden, so dass die `Better` am Morgen aus Platzgruenden wieder weggeraeumt werden koennen. Es schlafen 5-10 Krankenschwestern in diesen beiden Raeumen, jenachdem. Tja, dass ich keine Privatsphaere haben werde, war mir schon klar. Und dass es nicht unbedingt eine Dusche haben wird, auch mit dem habe ich gerechnet. Aber nicht bloss ein WC und ein Raum mit Loch am Boden zum duschen, vielleicht ein Bruenneli zum Zaehneputzen waere ja doch drinngelegen... Tja, ich werds ueberleben!!

Gestern wurde ich durch das ganze Spital gefuehrt, jeder Bereich wurde mir genaustens erklaert (auch wenn ich meistens trotzdem nicht ganz alles verstand, da ich erstens keine Aertztin bin und zweitens die Schwester die mich gefuehrt hat schelcht Englisch sprach). Dann konnte ich mir aussuchen wo ich am liebsten arbeiten wuerde (wobei die Moeglichkeit ja eigentlich relativ beschraenkt ist...!) und ich entschied mich fuer die ChildHotline. Was das genau ist, werde ich euch spaeter noch genauer erklaeren.

Heute Sonntag ist nicht viel los im Spital, und ich bin mit Khunsal einkaufen gegangen. Mal schauen, was die naechste Woche bringt... Aja, mit Kulturschock innerhalb Indien (Titel) habe ich den Wechsel meiner Unterkunft vom beinahe Luxushotel zu meiner jetzigen Bleibe gemeint.